Sieben Nächte, sieben Todsünden

simon strauss, sieben nächte, rezension, günter keil, literaturblogEndlich. Ein Roman, der auch Vielleser wie mich überrascht. Der begeistert, anregt, fasziniert. Simon Strauss hat mit „Sieben Nächte“ (Blumenbar) eine brillante Selbstkritik geschrieben. Einen Weckruf für eine angepasste Generation.

Der Erzähler, ein junger Mann, hat Angst: „Bald, sehr bald, werde ich mich festlegen müssen. Auf ein Leben, eine Arbeit, eine Frau.“ Die Aussicht auf einen Ehevertrag, eine Festanstellung, ein Leben ohne Überraschungen, deprimiert ihn. Er will endlich mal Vordenker sein, nicht Mitmacher. Doch er ist ein Wohlstandskind, verwöhnt, vorhersehbar: „Mein Inneres ist bedroht durch den farblosen Rahmen, der auf mich wartet. Er hängt schon rechts oben an der weißen Wand. Bereit, mich einzupassen, mein Leben still zu halten.“

Schluss damit! Der Mann schließt mit einem Bekannten einen Pakt: In sieben Nächten wird er den sieben Todsünden begegnen – und danach entscheiden, ob sie eine Alternative zum geregelten Leben sein können. Also springt er von einer Hochhausfassade, isst sündiges Fleisch, bleibt allein, wettet auf Pferde, neidet einer Bibliothek ihre Schätze, steigt in einen Keller der Wollust, erzürnt sich. Er berauscht sich an den neuen Erfahrungen, fasst Pläne: „Ich werde durchsetzen, dass vor jeder Ausschusssitzung, jeder Parketteröffnung oder Redaktionskonferenz verpflichtend ein Gedicht vorgelesen werden muss. Das würde sehr helfen. Zum Beispiel dabei, den Geist einzustimmen auf größere Fragen, weitere Horizonte.“

Klingt gut. Aber reicht der Enthusiasmus bis zum Ende des Experiments? Nur so viel: Simon Strauss hat ein herausforderndes, herausragendes Buch geschrieben. Nur 140 Seiten kurz, und doch mit einer Wucht, die manches 500-Seiten-Werk alt aussehen lässt. Ein intelligentes Plädoyer für mehr Umwege und mehr Zauber. Im Leben und überhaupt.

3 Kommentare
  1. Eine wunderbare Kampfschrift mit Niveau! Ich war auch selten so überrascht und begeistert.

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