Interview

Im Interview: Mira Magén (Israel)

mira magén, interview, literaturblog, günter keil Sie spricht leise, wirkt bescheiden. Dabei zählt Mira Magén zu den bedeutendsten Autorinnen Israels. Ihr Werk, das mehr als ein Dutzend Romane und Erzählungen umfasst, wurde vielfach ausgezeichnet. Vor kurzem ist Magéns neuer, siebter ins Deutsche übersetzter Roman „Zu blaue Augen“ (dtv) erschienen. Ich habe die 67-jährige in München zum Interview getroffen.

In Ihrem neuen Roman spielt eine 77-jährige aus Jerusalem die Hauptrolle, die auf Konventionen pfeift und trotz Rückschlägen ihr verrücktes Leben genießt. Wie kamen Sie auf diese Figur? Hannah Jonah ist das Gegenteil meiner Mutter, der es immer wichtig war, was die Nachbarn dachten. Sie richtete sich nach sozialen und religiösen Normen. Daran habe ich mich immer gerieben – auch noch, als meine Mutter schwer krank wurde und sich langsam aus dem Leben verabschiedete. Ich musste diese Antipode erfinden, um mich von meiner Mutter friedlich lösen zu können. Tatsächlich habe ich die Geschichte erst für mich ganz allein geschrieben, bevor sie wie ein Katalysator wirken konnte. Ich selbst würde gerne so frei leben können wie Hannah Jonah – insofern ist sie wohl auch ein gewünschtes Alter Ego. Denn es stimmt, was sie sagt: Jeder hat ein Recht auf Verrücktheit!

Nach Ihrem Studium haben Sie in verschiedenen Berufen gearbeitet, vor allem als Krankenschwester. Was hat Sie daran gereizt? Ich habe mich schon immer für das menschliche Wesen interessiert. Der Frage, warum wir uns so verhalten wie wir es tun, kann man nur an wenigen Orten so authentisch nachspüren wie in einem Krankenhaus. Dort leiden die Menschen, sie werden auf sich selbst zurückgeworfen, sind allein, wollen eine Antwort finden. Schon nach kurzer Zeit als Krankenschwester habe ich mich allerdings gefragt, warum Gott so viel Leid zulässt. Mich hat es traurig gemacht, dass ich meist nichts am Krankheitsverlauf der Patienten ändern konnte und mit ansehen musste, wie sie ihrem Schicksal ergeben waren. So entstand mein Wunsch, selbst bestimmen zu können, wer wie lange lebt – und das konnte ich nur als Schriftstellerin.

Heißt das, Schreiben ist für Sie eine Therapie, um mit den Tiefen des Lebens zurechtzukommen? Da ist etwas dran. Der Schreibprozess organisiert zudem mein Innenleben, das sehr stürmisch ist. Ich manage mein Leben über den Stift, und das hat eine therapeutische Wirkung.

Wie hat Ihr orthodoxes Umfeld darauf reagiert, dass Sie Bücher schreiben, in denen Gott infrage gestellt und Sex beschrieben wird? Meine Mutter hat mich oft gebeten, bloß nicht über Intimitäten zu schreiben. Letztlich hat sie aber meinen Weg akzeptiert und mich unterstützt. Und was meine orthodoxen Nachbarn betrifft: Ein paar Tage nachdem mein erster Roman erschienen war, klopfte es an meiner Tür. Ich öffnete, und da stand ein Mädchen mit einem riesigen Blumenstrauß. Sie gehörte zu einer der religiösesten Familien in dem Wohnkomplex, in dem ich damals wohnte, und überreichte mir die Blumen. In dem Strauß steckte eine Notiz, auf der stand: „Wir werden zwar nie Ihre Bücher lesen, aber wir akzeptieren, dass Sie sie schreiben und gratulieren Ihnen zu Ihrem Erfolg.“ Das hat mich sehr bewegt, und die Notiz habe ich aufbewahrt.

Das komplette Interview erscheint in der aktuellen Ausgabe des Magazins MÜNCHNER FEUILLETON.

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