Was heute in der Türkei passiert…

ece temelkuran, stumme schwäne, interview, günter keil…betrifft auch die Literatur des Landes. Stimmt die Mehrheit beim Referendum mit Ja, bekommt Präsident Erdoğan noch mehr Macht. Journalisten und Schriftsteller müssen dann noch stärker um ihre Freiheit fürchten. Eine der prominentesten Erdoğan-Kritikerinnen ist die 43-jährige Ece Temelkuran. Sie veröffentlichte Sachbücher und Romane, moderierte TV-Sendungen und schrieb für Zeitungen. Ihre Bücher werden in 22 Sprachen übersetzt. Soeben ist Temelkurans neuer Roman „Stumme Schwäne“ (Hoffmann & Campe) erschienen. Hier Auszüge aus meinem Interview:

Wie wird das Referendum ausgehen? Ich habe ein ungutes Gefühl, aber es ist sehr schwer, die Stimmung und das Ergebnis vorherzusagen. Was mich beunruhigt ist, dass einige Regierungsmitglieder ganz offen gesagt haben, dass es Auseinandersetzungen und Gewalt geben wird, wenn die Mehrheit nicht für das Präsidialsystem stimmt. Das klag wie eine Drohung. Ich fürchte, dass die Abstimmung dazu beitragen wird, das Schicksal der Türkei in negativer Weise zu besiegeln.

Sie leben seit kurzem im Exil – sind Sie bedroht worden? Jeder, der wie ich kritisch über die Regierung und den Präsidenten schreibt, wird bedroht. Viele meiner Kollegen sind verhaftet worden. Es geht aber nicht nur darum, eventuell angeklagt zu werden oder ins Gefängnis zu kommen, sondern um ganz alltägliche Einschüchterungen. Jedes Mal, wenn ich nach einer Auslandsreise zurückkam, fürchtete ich, dass man mir meinen Pass abnehmen würde. Als dann auch noch der Moderator einer nationalistischen Fernsehshow ankündigte, dass man dafür sorgen werde, dass meine Stimme aus der Öffentlichkeit verschwinden würde, habe ich Konsequenzen gezogen.

Ihr neuer Roman spielt kurz vor dem Militärputsch von 1980. Hat die damalige politische Situation etwas mit der aktuellen zu tun? Absolut! Das heutige Chaos in der Türkei hat seinen Ursprung in diesem Putsch. Damals wurde das Schicksal des Landes auf verhängnisvolle Weise in eine negative Richtung gedreht. Vor 1980 gab es eine bessere, freiere und fortschrittlichere Türkei – was danach kam, ist bekannt und gipfelt in der Präsidentschaft Erdoğans.

Inwiefern hat der Putsch den konservativen Islamismus gestärkt? Das Militär hat damals den Weg für religiöse Sekten geöffnet und sie unterstützt. Dadurch konnten konservative Parteien wie die AKP erst groß und mächtig werden. Das ist jedoch nicht der einzige Grund. Eine fatale Wirkung hatte auch die Zensur der türkischen Sprache. 1980 wurden hunderte Wörter aus den offiziellen Lexika und dem Sprachgebrauch der staatlichen Medien getilgt. Die Menschen bekamen Angst davor, etwas falsches zu sagen. Heute ist die Türkei ein Reich der Angst und Schizophrenie.

In Ihrem Roman zitiert eine Frau den Dichter Nâzım Hikmet, der einmal sagte: „Wir müssen an die Menschen glauben“. Tun Sie das? Es fällt mir manchmal schwer, aber woran sollte ich sonst glauben? Für mich ist das eine moralische Pflicht – ich habe gar keine andere Wahl. Die Menschen werden wieder aufstehen und die Geschichten ihres Leidens und ihres Widerstands erzählen, davon bin ich überzeugt. Vielleicht dauert es noch, aber es wird der Tag kommen, an dem ein Wind die Fenster aufstößt, hindurchweht und einen kühlen Lufthauch mit sich trägt.

Eine XL-Fassung meines Interviews wird in der Mai-Ausgabe des Magazins Münchner Feuilleton veröffentlicht.

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