Neuerscheinung

Künstler vs. Politik

julian barnes. der lärm der zeit, rezension, literaturblog, günter keil Dieser kluge, kurze Roman spielt zwischen 1936 und 1975 in Russland. In Zeiten von Stalin und Chruschtschow.

Gefühlt spielt er allerdings auch jetzt, 2017. In Zeiten von Erdogan, Putin, Orbán und Kaczynski.

In „Der Lärm der Zeit“ (Kiepenheuer & Witsch) erzählt Julian Barnes vom Leben Schostakowitschs – „Ein introvertierter Mann, der sich zu extrovertierten Frauen hingezogen fühlte.“ Schostakowitsch war Russlands erfolgreichster Komponist, zwischenzeitlich Volksfeind, dann wieder gefeierter Star, vielfach ausgezeichnet, ausgestattet mit Privilegien.

Und doch hoffte er meistens, tot zu sein. Warum? „Weil es immer möglich ist, die Lebenden zu erniedrigen. Von den Toten lässt sich das nicht sagen.“

Erniedrigung. Anpassung. Macht. Moralische Korruption. Das sind Barnes´ Themen. Auf der einen Seite der unpolitische Künstler, der dem Lärm der Zeit eigentlich nur Musik entgegensetzen will. Auf der anderen Seite Politiker, Funktionäre, Günstlinge, Bürokraten, die den Künstler auf ihre Linie bringen und für ihre Zwecke missbrauchen wollen. So, wie es zurzeit wieder passiert – in Russland, der Türkei, in Ungarn und Polen.

In klaren, pointierten Sätzen skizziert Julian Barnes Schostakowitschs Dilemma: Aus Furcht vor Sanktionen passt er sich an, spielt die Rolle, die das Regime ihm vorschreibt. Die Folge: Selbstekel. Todesfantasien. Barnes zeigt eindrucksvoll, wie sich der Druck autoritärer Systeme auf das Leben eines Künstlers auswirkt. Ein wichtiges, großartiges Buch.

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