Buchbranche

„Die Literatur hat ihre Macht verloren!“

literatur, tutzing, tagung, blog, rezension, feuilleton, günter keil, sigrid löffler Wie steht es um den Einfluss der Literatur? Welche Macht haben wichtige Werke in Zeiten von Youtube, Facebook, Twitter & Co.? Verflacht die Literaturkritik? Um diese Fragen drehte sich eine spannende Tagung der Evangelischen Akademie Tutzing, auf der ein Dutzend Publizisten, Schriftsteller, Verlagsleute und Wissenschaftler diskutierten. Ich war mit dabei – hier mein Feature über „Resonanzräume der Literatur im 21. Jahrhundert“:

Das gedruckte Wort ist nach wie vor gefährlich!“ Kritikerin Sigrid Löffler war sich ganz sicher: ein grundsätzlicher Bedeutungsverlust der Literatur sei nicht festzustellen. Man müsse nur in die Türkei schauen, nach Osteuropa, in viele weitere Länder der Welt, in denen sich Autokraten von Schriftstellern und ihren Werken bedroht fühlten. „Zudem ist die Literatur in Bewegung wie selten zuvor. Durch Migranten ist eine neue Weltliteratur entstanden, eine neue, nicht-westliche Erzählform.“ Diese Entwicklung, so Löffler, gebe ihr Hoffnung.

Dass die Literatur im Sturm von Konzentration, Digitalisierung und Globalisierung ihre Macht verloren hat, steht für den Kölner Journalisten Oliver Jungen fest: „Ihre soziale und politische Relevanz hat in Deutschland definitiv nachgelassen.“ In den Feuilletons gebe es immer weniger tiefschürfende Rezensionen, eine klare Tendenz zur unterhaltenden Berichterstattung. „Auch bei der Vergabe des Deutschen Buchpreises nimmt die Unterhaltung an Bedeutung zu. Die Werke der meisten Preisträger geben doch höchstens ein bisschen Geschichtsnachhilfe und sie bewegen unterhaltsam, statt zu wirken!“

Kein Grund zur Panik – Literatur lebt! Diese These vertrat Stephan Poromka, Professor für Texttheorie und Textgestaltung an der Universität der Künste Berlin. „Als sich im 15. Jahrhundert der Buchdruck ausbreitete, gab es auch jede Menge Warner – sie fürchteten sich davor, dass jeder veröffentlichen könne, was er wolle. Heute gibt es ähnliche Vorbehalte gegen Social Media, dabei sehe ich gerade dort eine neue Lebendigkeit im Umgang mit Literatur.“ Viele kleine literarische Öffentlichkeiten entstünden und neue Narrative würden erfunden. „Ich plädiere dafür, nicht ständig nach Symptomen für eine negative Entwicklung zu suchen, sondern aufmerksam neue Effekte wahrzunehmen“, so Poromka. 

Zigtausend Kundenrezensionen auf Amazon, hunderte Literaturblogs, digitale Lesekreise. Literaturkritik findet schon lange nicht mehr nur in den Feuilletons der Printmedien statt. „Man kann aber nicht ernsthaft Literatur kritisieren, wenn man nicht die entsprechende Leseerfahrung hat! Kritik lebt vom Vergleich!“ warnte Sigrid Löffler. Auch der Schriftsteller Ulrich Peltzer zeigte sich angesichts der neuen Rezeptionsstrukturen skeptisch: „Vieles, was da rezensiert wird, hat doch gar nichts mit Literatur zu tun. Im Übrigen handelt es sich hier um Kundenbewertungen wie für Staubsauger, nicht um eine ernsthafte Auseinandersetzung.“ Eine Einschätzung, die Alexander Nebrig vom Institut für deutsche Literatur an der Berliner Humboldt Universität nicht teilt. Er differenziert: „Wir stellen eine deutliche Professionalisierung der Laienkritik fest, zudem entstehen kleine höherwertige Kritikernetzwerke. Ähnlich wie bei Wikipedia verändert sich das Angebot, und genauso wird sich die Beurteilung ändern.“

Es gibt sie also weiterhin, die Resonanzräume. Zwar sehen sie anders aus als früher, und sie klingen anders. „Die geistige Selbstverständigung über den Zustand der Welt funktioniert nur über das gedruckte Wort“ meinte Sigrid Löffler. Kein Widerspruch bei den Teilnehmern der Tagung. Denn gedruckt wird das Wort ja auch digital. Oder? Was meint Ihr? 

13 Kommentare zu „„Die Literatur hat ihre Macht verloren!“

  1. Es wird viel über Literatur geschrieben und gesprochen. Ja. Auch findet der Austausch über Literatur nicht mehr primär im Feuilleton der Printmedien statt. Aber es ist eben nicht in allen Fällen Literaturkritik. Zu wünschen wäre, dass Herr Nebrig von der HUB mit seiner These auf lange Sicht Recht behalten könnte. Ich habe da meine Zweifel, lasse mich aber gerne jederzeit eines Besseren belehren. lg_jochen

    1. Vielen Dank für deine schnelle Reaktion auf dem Text! Meiner Meinung nach bessern sich langsam Teile des digitalen Angebots, aber eben nur langsam. Ansporn genug für jeden von uns Bloggern, im Netz auf Qualität zu achten! LG

  2. Das Bedürfnis, laienhaft über Literatur oder Kunsterlebnisse zu schreiben, ist vorhanden und kann und sollte nicht unterbunden werden. Wenn ich eine fundierte Literatur- oder sonstige Kritik lesen will, suche ich persönlich allerdings keine Blogs auf, nicht einmal Deinen, den ich trotz alledem sehr schätze (u.a. wegen der Pointiertheit und der Kürze, und aus beidem spricht selbstverständlich ein Profi).
    Das Lesen im Netz scheint mir auch vollkommen anders. Da ich immer noch das analoge Lesen von richtigen Büchern praktiziere, kann ich nicht einschätzen, inwieweit man auf dem E-Reader Literatur genauso intensiv liest. Ich lese flüchtiger auf dem Bildschirm, das ist mal sicher, für mich ist es kein Medium um Literatur zu goutieren.
    Sprich: Für mich ist gedruckt immer noch analog gedruckt mit allen Sinneserfahrungen, die dazu gehören, während die digitalen Worte in einer anderen Stelle meines Gehirns abgespeichert werden und deutlich nicht so leicht ins Langzeitgedächtnis wandern wie analog Gelesenes…

    1. Vielen Dank für dein Feedback! Ich stimme dir zu: das Lesen, Erlesen & Erleben unterscheidet sich analog und digital. Ich ziehe auch nach wie vor die „echte“ gedruckte Literatur vor, da passiert bei mir mehr. Trotzdem lese ich auch auf dem E-Reader, oft weil ich von den Verlagen vorab nur digitale Exemplare bekomme. Der entscheidende Punkt ist meiner Meinung nach, dass beide Bereiche, beide Resonanzräume, ihre Berechtigung haben und nicht gegeneinander ausgespielt werden sollten. Schließlich sind in beiden Sphären Literaturliebhaber aktiv 😉

  3. Ich glaube, wir brauchen beides, und beides hat – wie du schon sagtest – seine Berechtigung. Es gibt so viele (Laien)Kritiker wie es Genres gibt. Und einige kennen sich in ihrem Thema sehr gut aus. Trotzdem finde ich eine Literaturkritik im gedruckten Feuilleton bzw. im Rundfunk wichtig(er). Bei Büchern sehe ich es genauso: Ich lese lieber analog, habe noch die haptische Erfahrung des Lesens, aber ich lese auch Manuskripte elektronisch – in der Tat ein ganz anderes Leseerlebnis. Dafür gibt es andere, die lieber digital lesen. Wichtig ist doch auch: Sie lesen. (Vielleicht bin ich da auch naiv…)
    Oh, und ich mag den Standpunkt von Sigrid Löffler: Ich bin fest davon überzeugt, dass Literatur noch etwas bewegt und gefährlich ist! Auch zum Beispiel im Kinderzimmer, denn Lesekompetenz und die Fähigkeit zu hinterfragen wird im besten Fall von klein auf gelernt.

    1. Auch dir vielen Dank! Schön, dass du beide Bereiche für wichtig bzw. akzeptierbar hältst. Und: Ja, Kinderzimmer ist ein wichtiges Stichwort! Es ist sehr schwer, später zum Leser zu werden, wenn man es nicht gelernt oder vorgelebt bekommen hat. Meiner Meinung nach ist es übrigens gar nicht naiv (sondern notwendig), an die Wichtigkeit und Wirksamkeit des Lesens zu glauben – und sich zu freuen, frei nach dem Motto: Hauptsache, es wird überhaupt gelesen! Und sei es „nur“ noch digital…

  4. Sehe es ähnlich wie kutabu und muss dennoch immer wieder erkennen. Ob Reflektiert aus BlogEdits oder aus der Analog Presse, am Ende entscheiden meine Sinne und mein Herz. Und da entpuppte sich schon manche erwähnte Praline als Flachware & und umgekehrt. Auch die großen Namen kochen nur mit Wasser. Und auf den Blogs erscheint mir manchmal der eine wiederholt was der andere schrieb. Kreativ spannend feingeistig auch da selten. So bleibt und dies mit Freude, selber lesen mir als Sucht.

    1. Eine Sucht, ja! Und was für eine empfehlenswerte Sucht 😉 Es stimmt schon, letztlich bleibt das Urteil über Literatur sowieso individuell (und subjektiv) – außer als Kritiker. Da sollten schon auch ein paar allgemein gültige Kriterien in die Bewertung einfließen…

      1. Ja im besten Falle / zuweilen reduziert sich das auf Klappentextblabla

  5. Die Qualität der blogs ist gestiegen, keine Frage. Nicht zuletzt Ihr Blog ist dafür ein Beleg und ich könnte einige andere, die hier auch schon kommentierten, nennen.

    Merkwürdig finde ich die These vom „Machtverlust“. Das kommt mir wie eine rückwärts gewandte Malmachtgehabthaben-Phantasie vor. Man kann doch nur verlieren, was man einst besaß.

    1. Vielen Dank für das Lob! Der „Machtverlust“ wurde auf der Tagung auch kontrovers diskutiert – eine These war, dass es ihn tatsächlich nicht gebe, denn auch früher, egal zu welchen Zeiten, hätten sich nur maximal zehn Prozent der Bevölkerung für anspruchsvolle Literatur interessiert und nach entsprecheneden Rezensionen gesucht. Diese kleine Gruppe gebe es heute auch noch, also kein Grund zur Panik. Klingt für mich durchaus plausibel…

  6. literatur verändert sich. immer. wenn sie relevant bleiben möchte, muss sie sich an zeitgemäßen medien orientieren. die geänderte digitale darreichungsform wird / hat einflüsse auf den inhalt. dies ist aus meiner sicht weder positiv noch negativ, sondern nur ein ausdruck von lebendigkeit. wandel sorgt für energie.

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