Neuerscheinung · Rezension · Romane

Liebevolle Lebensmüdigkeit

richard lorenz, frost, erna piaf und der heilige, rezension, literaturblog, günter keilJeder in München wusste, dass hier der Sterbeplatz der Mittellosen, der Verlorenen, der Gestrandeten war. Die letzte Wärmestube vor dem kalten Grab.“

Ja, das ist ein dunkler, melancholischer Roman. Über ein Sterbehospiz, Obdachlose im Schneegestöber und Morphinträume von Kranken. Und dennoch: Das ist auch ein heller, lebensfreundlicher Roman. Über einen Jungen, der mit seinen Gedichten sterbende Menschen zum Lächeln bringt. Über die Suche nach Wundern und den Zauber des Mitgefühls.

Frost, Erna Piaf und der Heilige“ (Edition Phantasia) von Richard Lorenz ist selbst ein kleines Wunder, und die 205 Seiten verbreiten einen einmaligen Zauber.

Mit Songzitaten von Leonard Cohen, Bob Dylan, Lou Reed und John Cale garniert, erzählt Lorenz von Frost. Aus dem Gedichte schreibenden Jungen wird ein Mann, der in einem Münchner Hospiz arbeitet. Wo Erna Piaf im Raucherzimmer ihre Schuhe auszieht, um auf dem schmutzigen Linoleum zu tanzen. Wo die vom Mainstream abgehängten Menschen von Paris träumen und darauf hoffen, vom Tod erlöst zu werden. Frost versteht sie, begleitet sie, und stürzt darüber selbst ab, betäubt sich mit Schnaps und Valium. Und findet doch noch den Ausweg, die Liebe.

Richard Lorenz besitzt eine erstaunliche Gabe: Er fängt Trauer, Tod und Lebensmüdigkeit ein, still, klar, ohne Sozialkitsch. Er schreibt über Menschen am Rand der Gesellschaft, am Ende ihres Lebens, und man spürt: er kennt sie wirklich, ist tatsächlich bei ihnen, sieht sie nicht als formbares Romanmaterial mit Betroffenheitspotential, sondern als – ja, authentische Personen. Er spürt das Liebe- und Verständnisvolle in ihrem dunklen Dasein auf. Das ist große Kunst. Und deswegen ein großer, kleiner Roman.

2 Kommentare zu „Liebevolle Lebensmüdigkeit

  1. klingt nach einem mutigen roman. schön, dass du ihn gelesen und deine rezension hier gepostet hast. einen schönen nikolaustag wünsche ich dir. liebe grüße von der beobachterin

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