Interview · Krimis & Thriller

Im Interview: Arne Dahl

arne dahl, interview, sieben minus eins, günter keil, literaturblogEr spricht Deutsch, fließend. Und behauptet doch ganz bescheiden, dass er noch viel lernen müsse. Arne Dahl, der Intellektuelle unter den europäischen Thrillerautoren, heißt eigentlich Jan Arnald. Seit Wochen steht sein Thriller „Sieben minus eins“ (Piper) ganz oben in den Bestsellerlisten. Hier Auszüge aus meinem Interview mit dem sympathischen Schweden:

In deinen letzten Thrillern kämpfte eine länderübergreifende Polizeitruppe gegen Korruption, Terror und Rechtsradikalismus in Europa. Warum hast du diese Reihe beendet? Ich war ein bisschen frustriert über die Entwicklung Europas und meinen Fokus auf die dunkelsten Seiten der Gesellschaft – alles wurde immer schlimmer und schlimmer. Ich brauchte eine Pause, musste alles eine Nummer kleiner machen. Auf diese Weise konnte ich zum Kern der Kriminalliteratur zurückkehren: zum Thrill und zur Psychologie des Verbrechens.

Und du kehrst inhaltlich in deine Heimat Schweden zurück. Ist der Zeitpunkt ein Zufall – jetzt, wo die meisten europäischen Länder ihre Grenzen für Ausländer schließen? Nein, das ist kein Zufall. Ich bin traurig, dass Europas wichtigste Tradition, der Humanismus, nicht mehr funktioniert.

Wie meinst du das? Schweden und Deutschland waren die einzigen Länder, die ernsthaft versucht haben, Menschen aufzunehmen, die auf der Flucht vor dem Tod waren. Wir sollten stolz darauf sein. Da uns jedoch kein anderes der 28 Länder zu Hilfe kam, ist es unmöglich geworden, das Problem gesamteuropäisch zu lösen.

Fiel dir die Arbeit an „Sieben minus Eins“ leichter als den Büchern der A-Gruppe oder des Opcop-Teams? Nein, überhaupt nicht. Am einfachsten ist es, Serien weiter zu schreiben. Aus dem einfachsten Weg entsteht jedoch selten die beste Literatur. Ich hatte aber auch den Eindruck, an eine Grenze gestoßen zu sein, denn alles an der Opcop-Reihe basierte ja auf einem Maximum: die Menge der Themen, die Anzahl der involvierten Figuren, und vor allem auch meine Recherche, die mehr und mehr meiner Kreativzeit beanspruchte. Jetzt habe ich endlich die Möglichkeit so zu schreiben wie nie zuvor

Die Zeit spielt eine entscheidende Rolle in „Sieben minus eins“. Welchen Bezug hast du zu ihr? Die Zeit ist eines der letzten großen Mysterien. Ich werde nie aufhören von dieser seltsamen vierten Dimension fasziniert zu sein. Sie tötet uns alle! Beim Schreiben ist sie natürlich extrem gefährlich, denn ein Buch muss ja fertig werden. Hinzu kommt, dass die Zeit von der Gegenwart ablenkt und die Gedanken in die Zukunft lenkt, wenn das Buch fertig sein wird – was sich aber immer wie Lichtjahre entfernt anfühlt. Trotzdem bin ich etwas besser darin geworden, in der Gegenwart zu leben. Aber ich könnte es noch besser machen.

Deine Bücher werden in ganz Europa gelesen, und du bereist regelmäßig EU-Länder. Hast du den Eindruck, dass wir noch eine Gemeinschaft sind? Je mehr ich von Europa sehe, umso mehr denke ich, dass wir eine Gemeinschaft sind, trotz aller Unterschiede. Wir können immer noch sehr viel von einander lernen. Und es gibt fast überall in Europa ein gemeinsames Verständnis, dass die Werte der Aufklärung die Basis der Gesellschaft bilden. Menschenrechte, Demokratie, ein säkularer Staat, die Idee von Gemeinschaftsgütern, Rede- und Religionsfreiheit, Gleichheit – daran kann man nicht vorbei. Und es gibt keinen besseren Platz dafür als in Europa.

8 Kommentare zu „Im Interview: Arne Dahl

  1. Schönes Interview – meinen Dank. Dahls A-Team-Bücher waren wirklich außergewöhnlich, lebten von einer großartigen emotionalen Wucht. Die Opcop-Reihe fand ich zwar immer noch gut, aber nicht mehr so überzeugend. Umso gespannter bin ich auf den neuen Roman. Merci!

    1. Warum nicht? Ich finde es ganz gut, wenn es einem Autor auch um Werte geht. Vor allem dann, wenn (wie bei Dahl) daraus nicht ein erhobener Zeigefinger wird, und spannende Unterhaltung trotzdem garantiert ist.

  2. Ich hoffe nur, dass Arne Dahl recht behält und Europa noch eine Gemeinschaft ist. Überall in Europa werden eher die Grenzbäume heruntergelassen und jedes Land versucht aus der Gemeinschaft so viel wie möglich für sich selbst herauszuholen. So wird die Gemeinschaft kaputtgemacht.

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