„Schaden für unsere Demokratie“ – Interview mit Dorit Rabinyan

dorit rabinyan, wir sehen uns am meer, interview, günter keil, literaturblog dorit rabinyan, wir sehen uns am meer, interview, günter keil, literaturblogEine Liebesgeschichte auf dem Index: Die israelische Erziehungsministerin ließ Dorit Rabinyans Roman „Wir sehen uns am Meer“ (Kiepenheuer & Witsch) von der Lektüreliste für die Oberstufe streichen. Ein Skandal, der den Roman allerdings zu einem internationalen Bestseller machte. Hier Auszüge aus meinem Interview mit Rabinyan (Foto):

Ihr neuer Roman hat kontroverse Debatten ausgelöst – war das Ihre Absicht? Auf keinen Fall! Nicht einmal in meinen wildesten Träumen hätte ich mir vorstellen können, dass mein Buch so eine Wirkung haben könnte. Wenn ich schreibe, findet das in einem sehr persönlichen Rahmen statt, in einer Sphäre zwischen Verstand und Unterbewusstsein. Dabei entsteht eine Art dokumentiertes Tagträumen. Hätte ich bewusst provozieren wollen oder beim Schreiben an die Folgen des Romans gedacht, wäre diese Geschichte nicht entstanden. Ich wäre vielleicht sogar eine Schreiblähmung bekommen.

Aber Sie haben bewusst ein brisantes Thema gewählt: die Liebe zwischen Liat und Chilmi, einer Israelin und einem Palästinenser. Ja. Aber nicht weil es brisant ist, sondern weil der israelisch-palästinensische Konflikt einen äußerst wichtigen Aspekt unseres Lebens darstellt. Davon abgesehen benötigt Literatur natürlich grundsätzlich, wie jede künstlerische Arbeit an einem Drama, ein kontroverses Dilemma. Und das steckt definitiv in der Liebesbeziehung, von der ich erzähle.

Fühlen Sie sich eigentlich als Patriotin? Als eine Patriotin des israelischen Staates, ja. Ich kämpfe sowohl für seine demokratischen Werte als für seine jüdische Identität. Trotzdem habe ich Mitgefühl für die Palästinenser; aus Liebe und aus einer Sorge für meine eigene Gemeinschaft.

Wie meinen Sie das? Ich glaube, dass man sich um das Wohlergehen seiner Nachbarn kümmern sollte, und darum, dass sie ihr eigenes Leben genießen können. Das eigene Zuhause kann doch niemals sicher sein, wenn aus der Wohnung nebenan Rauch kommt.

Die israelische Erziehungsministerin hält Sie keineswegs für eine Patriotin, und strich Ihren Roman von der Leseliste für die Oberstufe. Wie konnte das passieren? Diese Art von Politikern sind von Macht getrieben, und deswegen sind sie zu Populismus und allen möglichen anderen gefährlichen Schritten bereit. Sie missbrauchen unsere Demokratie wie nie zuvor, und sie tun dies für ihre eigenen egomanischen Ziele. Dabei befinden sie sich in guter Gesellschaft, denn das sind die bekannten großartigen Methoden unseres Premiers Benjamin Netanjahu. Er ist hauptverantwortlich für den Machtmissbrauch unserer politischen Führung.

Sie könnten ihm in gewisser Weise dankbar sein – die Diskussionen um Ihren Roman haben die Verkaufszahlen massiv erhöht. Das war wohl tatsächlich Glück im Unglück. Die Verbannung meines Buches hat sehr verkaufsfördernd gewirkt, und dafür bin ich natürlich dankbar. Gleichzeitig hat die israelische Demokratie aber schweren Schaden genommen: ein verbotenes Buch ist in jeder demokratischen, liberalen Gesesllschaft eine schlechte Nachricht.

Glauben Sie, dass ein Roman so viel Macht entwickeln kann, dass er in der Lage ist, Meinungen zu beeinflussen und verändern? Die Identifikation ist eine große Macht. Sie verändert vielleicht nicht die Welt, aber sie kann uns vor uns selbst schützen. Das ist die einzige Erlösung, auf die wir hoffen können.

Dorit Rabinyan liest am 28.9. im Jüdischen Gemeindezentrum München – ich moderiere diese Veranstaltung. Mehr Infos hier.

2 Kommentare
  1. Es ist ein Skandal, dass ein demokratischer Staat seinen Schülern vorschreiben will, was sie lesen dürfen und was nicht. Das ist aber nicht allein auf Israel beschränkt. Ich erinnere mich an heftige Diskussionen, als wir in der Schule „Der Stellvertreter“ lesen sollten. Schon vergessen?
    Schön finde ich die Formulierung der Autorin über ihren Schreibprozess, eine Mischung aus Verstand und Unterbewusstsein. Ich glaube, genauso gehe ich auch vor. Kein Autor plant aber im Voraus einen Skandal zu provozieren. Literatur sollte aber gerade genau die Themen aufgreifen, die in der Gesellschaft zirkulieren, die aber niemand klar ausspricht. Genau das ist doch die Funktion von Literatur: Etwas zur Sprache bringen.

    • Vielen Dank für deinen Kommentar! So sehe ich das auch: Etwas zur Sprache bringen, anregen, aufgreifen, von einem anderen (literarischen) Blickwinkel betrachten…

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