Was ist wichtiger? Sprache oder Inhalt?

sprache oder inhalt, jury, literaturblog, günter keilMünchen, vor zwei Tagen. Bei einer Jurysitzung für den Tukan-Preis entwickelte sich eine Grundsatzdiskussion. Welche Faktoren führen dazu, dass wir Juroren einen Roman positiv oder negativ bewerten? Ist es der Autor, die Sprache, der Plot oder das Kernthema? Oder alles zusammen? Oder etwas Vages, ein Lesegefühl, eine Stimmung? Anlass war der Kommentar einer Kollegin zu einer Neuerscheinung, man habe all das schon einmal gelesen, der Inhalt sei nicht neu. „Aber die Sprache ist doch das Wesentliche!“ gab eine andere Kollegin zu bedenken – und schon waren wir mitten im Austausch.

Für mich gibt es nur wenige Grundsätze bei der Bewertung eines Romans: Zwar interessieren mich bestimmte Themen mehr oder weniger, und den Stil bestimmter Autoren mag ich mehr oder weniger. Trotzdem kann mich – unabhängig davon – jedes neue Buch begeistern oder enttäuschen. Bei der Lektüre der ersten Zeilen beginnt alles von vorn. Bei Null. Je mehr ich dann lese, umso mehr beeinflusst mich die Sprache oder zumindest die Atmosphäre, die sie erzeugt. Großartige Prosa kann mich für nahezu jeden Inhalt einnehmen (wenngleich sie mehr bieten sollte als nur schönen Schein). Umgekehrt funktioniert das bei mir nicht – der kreativst konstruierte Plot oder das wichtigste Thema berühren mich nicht, wenn die Sprache nicht stimmt. Und wann „stimmt“ die Sprache? Gute Frage. Keine leichte Antwort. Denn dieses Urteil ist fast immer subjektiv und individuell. Was man allein schon daran merkt, dass es zu nahezu jedem „wichtigen“ aktuellen Roman sehr widersprüchliche Kritiken gibt.

8 Kommentare
  1. Bislang vertrat ich die Auffassung, dass alle Geschichten längst erzählt sind, es also nichts neues unter der Sonne gibt und mich die Sprache eines Romanes am meisten interessiert.
    Als ich dann „Pfaueninsel“ von Thmas Hettche las, änderte ich meine Meinung. Wortakrobatik allein reicht eben nicht. Hettche schreibt so wunderbar und mit einem ungeheuren Sprachreichtum, doch das Buch bleibt flach und blutleer, weil eine interessante Geschichte oder zumindest gute Motive und weiterführende Gedanken fehlen. Da entwickelt sich nichts, es wird keine Tiefeausgelotet. Trotz der meisterhaften Sprache habe ich mich durch die zweite Hälfte des Buches gearbeitet und war froh, als ich es weglegen konnte.
    Es braucht wohl doch beides: eine interessante Handlung, die gut erzählt wird.

    • Da hast Du völlig recht: es gibt diese Fälle, in denen auch die genialste Posa Langeweile erzeugen kann oder sich quasi im Kreis dreht. Vor allem, wenn sie sich über mehr als 500 Seiten ausdehnt. Mir geht das manchmal bei Jonathan Franzen so… Das kann aber durchaus auch stimmungsabhängig beim Leser sein 😉

  2. Interessante Gretchenfrage. Meine persönliche Theorie zur Beurteilung von Literatur basiert auf einem Dreieck: Sprache – Story – Charaktere. Wenn die drei Punkte stimmig sind und mich als Leser berühren, ist das Buch „gut“. Was die Beurteilung durch Juroren angeht, fixieren sich viele Literaturwissenschaftler und Kritiker auf die Sprache – und nur auf die Sprache. Ich habe mal einen Erfahrungsbericht geblogt, der das Thema auch streift: https://einbuchwiekingsturm.wordpress.com/2016/08/23/literaturwettbewerbe-und-ihre-tuecken/
    Und zu den „Themen“ der Literatur: Klar gibt es „nichts Neues“. Ohnehin bleiben nur zwei große Themen übrig – die Liebe und der Tod -, die wir, weil wir Menschen sind, immer und immer durchkauen und sie spannend finden. Egal wie oft darüber erzählt wird. „Originalität“ ist also das unwichtigste aller Qualitätsurteile 🙂

    • Völlig richtig! Liebe und Tod, älter geht´s nicht, und dennoch gibt´s fast nichts Aktuelleres, Bewegenderes. Deinem Beurteilungsdreieck kann ich ebenfalls zustimmen, auch wenn ich es bei einer Lektüre nicht genau so „abhake“. Ich glaube, es gibt kein einheitlich gültiges Bewertungsschema, und vielleicht ist das auch gut so. Denn Kunst jeder Art kann man einfach nicht nach einer Formel beurteilen, es wird immer auch etwas Unbestimmtes, Individuelles zum Urteil führen.

      • Und doch gibt es Etwas (was auch immer genau), das mich sehr wohl erkennen lässt: Das ist gut oder das ist schlecht. Muss mir deshalb nicht gefallen – den „Ulysses“ zum Beispiel kann ich nicht ausstehen, dennoch ist es ein großartiges, weil die Romanform an den Rand bringendes Stück Literatur. Bei Malerei ist’s einfacher, da erkennt man „gute“ Kunst schneller, wie ich finde. Insofern: Individuelles unbestimmtes Urteil: natürlich. Aber eben auch ein „irgendwie“ objektives Urteil 🙂

  3. pgeofrey sagte:

    Vielleicht muss die Sprache einfach zum Plot/Inhalt passen. King hätte vermutlich ein mäßiges „Glasperlenspiel“ geschrieben und Hesse ein eher schwaches „Es“. Ausführlicher begründet in J. Woods „Die Kunst des…“

    • Das war genau einer der Punkte, dem ich in „Die Kunst des Erzählens“ nicht so ohne weiteres folgen konnte. Hesses „Steppenwolf“ ist stellenweise sehr viel King-mäßiger als man denken sollte (z.B. die Schlacht der Maschinen im magischen Theater), und wenn King mal ein Buch über das I-Ging schreiben wollte – wer weiß, ob tatsächlich das schlechtere Glasperlenspiel bei rauskäme 🙂

  4. MB sagte:

    Eine Geschmacksfrage. Ich fang an zu lesen und lese, solang’s mich weiterzieht. Und solang’s mich weiterzieht, hat es mir was zu sagen, weswegen mir die Frage, ob es sich um sogenannte gute Literatur handelt oder nicht, eigentlich egal ist, ja sogar, ob es überhaupt als Literatur bezeichnet werden kann. Und sobald‘s mich nicht mehr weiterzieht, hat es mir nichts mehr zu sagen und die angesprochene Frage ist mir dann noch egaler. Eine andere Frage ist, wie ich überhaupt dazu komme, mit dem Lesen anzufangen. Allgemeiner formuliert, wie MAN dazu kommt. Das ist die Frage, die den Verlag interessiert, der das Buch schließlich so oft wie möglich verkaufen will (… auf die Autoren muß das nicht unbedingt zutreffen, es gibt ja auch solche – oder hat es früher einmal gegeben – die einfach ihr Ding machen und sich nur wenig drum kümmern, was draus wird). Der Verlag braucht eine wirksame Werbestrategie. Es muß möglichst laut darüber geredet und möglichst viel darüber geschrieben werden. Die tolle Sprache muß gerühmt, das zeitgemäße Thema betont, der geniale Plot angepriesen werden… Literaturschlüsselwörter, die dem potentiellen Leser (Käufer) sagen: hier geht’s um Literatur. Ein Literaturschlüsselwörter-, und -sätzenetz wird aufgespannt, mit dem die im Buchmarkt umherfatternden Lesevögel gefangen werden. Dann wird gekauft. Die Käufer gehen mit ihren Büchern nach Hause oder ins nächste Cafe und fangen an zu lesen, und sie lesen, solange es sie weiterzieht … solange es ihnen gefällt und sie das Lesen befriedigt, unterhält, inspiriert, aufregt, beruhigt. Das interessiert den Verlag aber nicht mehr, denn er hat sein Geschäft ja schon gemacht. Ob das Buch nun ein gutes ist oder gar ein „wichtiges“ … hmmm?!? Was heißt schon wichtig? Ja, wenn es, in Kafkas Sinne, das Eis im Herzen unserer Gesellschaft brechen würde … ok, DAS wäre ein „wichtiges“ Buch. Ansonsten bleibe ich dabei: reine Geschmacksfrage.

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