Genazinos ernsthafte Komik

wilhelm genazino, außer uns spricht niemand über uns, hanser, literaturblog, günter keil, rezensionIch wollte endlich ein bedeutsames Leben führen“ behauptet Wilhelm Genazinos tragikomische Hauptfigur in „Außer uns spricht niemand über uns“ (Hanser). Der gescheiterte Schauspieler hat es sich in seiner unbedeutenden Mittelmäßigkeit bequem gemacht. Ab und zu wird er engagiert, spricht Radiotexte, moderiert Modenschauen in der Provinz. Mit seiner Freundin Carola verbindet ihn weder Leidenschaft noch Liebe, sondern Gewohnheit.

Wie in nahezu all seinen Romanen zeigt Wilhelm Genazino seinen Ich-Erzähler in schonungsloser Selbstbespiegelung. Überfordert vom hohen Anspruch an sein Leben, notiert der namenlose Mann scheinbar beiläufig, womit er sich die Zeit vertreibt: er beobachtet beim Spazierengehen Rentner, Kinder und Obdachlose, lenkt sich mit dem Kauf von Orangen von düsteren Gedanken ab, spricht mit seinem Kühlschrank, sinniert pausenlos über den Stand seiner Beziehung zu Carola sowie die Qualität ihres gemeinsamen „Sexualaustauschs.“ Auch das Altwerden und die Angst vor Arbeitslosigkeit prägen seine melancholischen Gedanken.

Diese abwechselnd selbstverliebte und selbstmitleidige Reflexion und das Fehlen eines klassischen Plots könnten schnell zu Langeweile und Beliebigkeit führen. Wilhelm Genazino gelingt es jedoch erneut, das Leiden seiner Hauptfigur mit unvergleichlicher Lakonie und sprachlicher Brillanz in ernsthafte Komik und skurrile Philosophie zu verwandeln.

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