Krimis & Thriller · Neuerscheinung · Romane

Eigensinnig und klischeefrei

denise mina, die tote stunde, rezension, günter keil, literaturblogVerqualmt, stickig, korrupt. Und männlich. So sieht es 1984 in den Zeitungsredaktionen und Polizeistationen Glasgows aus. Die Nachtschicht-Reporterin Paddy Meehan versucht trotzdem, sich durchzubeißen. 22 Jahre ist sie, kommt aus ärmlichen Verhältnissen, hadert mit ihrem Übergewicht, kann sich von ihrem mickrigen Gehalt keine Wohnung leisten.

Mit Paddy hat die schottische Autorin Denise Mina eine der interessantesten Ermittlerinnen der britischen Kriminalliteratur geschaffen. Eigensinnig, unsicher, trotzig, und vor allem: klischeefrei. In „Die letzte Stunde“ (Heyne) zeigt Mina eindrucksvoll, wie Paddy in einem Fall von häuslicher Gewalt ermittelt. Doch eigentlich stehen nicht die Ermittlungen im Vordergrund, sondern Paddys Überleben in einer trostlosen, sexistischen Zeit. In einem Schottland, in dem Minen und Werften dichtmachen, die Zeitungen Journalisten entlassen, die Arbeiterklasse in Angst lebt.

Paddy ist als Nachtreporterin ganz nah dran an den Dramen, den Drogen- und Bandenkriegen, der sozialen Verwahrlosung. Denise Mina erzählt davon mit einer starken, trockenen Stimme – unverstellt und schonungslos wie in einer Sozialreportage, mitfühlend und verständnisvoll, hart und realistisch. Auch für originelle Vergleiche hat Mina ein gutes Gespür: „Die leeren Haken der Blumenampeln sahen aus wie Galgen für Zwerge.“

Höchste Zeit also, dass dieser überdurchschnittliche Krimi nun endlich auf Deutsch erscheint – das Original ist schon zehn Jahre alt.

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