Abenteuer auf dem Meer

Guenter Keil, Günter Keil, Peter Nichols, Interview, Moderation, LesungCala Radjada, Mallorca. Ich sitze mit US-Autor Peter Nichols am Meer – wir plaudern über seinen Roman Die Sommer mit Lulu“ (Klett-Cotta). Der 65-jährige überquerte drei Mal allein mit einem Segelboot den Atlantik. Er schrieb Drehbücher und unterrichtete Kreatives Schreiben an mehreren Universitäten. Hier Auszüge aus dem entspannten Interview.

Was haben Sie auf dem Meer gelernt? Alles! Nicht einmal auf fünf Universitäten hätte man mir so viel beibringen können. Als junger Mann alleine in 57 Tagen über den Atlantik zu segeln, war die wichtigste und lehrreichste Erfahrung meines Lebens. Das Meer hat mich total positiv verändert.

Inwiefern? Ich wurde geduldiger und traute mir mehr zu. Ich lernte zu improvisieren und mit dem Alleinsein zurechtzukommen. In New York, London oder Paris habe ich mich oft einsam gefühlt, auf meinem kleinen acht Meter langen Boot jedoch nie. Es hat mir gut getan, selbst für alles verantwortlich zu sein und auf See keine Ablenkungsmöglichkeiten zu haben. Eine der wichtigsten Erkenntnisse war auch zu merken wie wenig ich zum Leben brauche.

Sehen Sie Parallelen zwischen einer Seereise und dem Schreiben eines Romans? Sehr viele sogar: Segeln und Schreiben sind bewusst erlebte, unglaublich langsame Prozesse. Geduld ist in beiden Fällen enorm wichtig. Man kommt nur schrittweise voran, und man kann geradezu verrückt werden, wenn man daran denkt, wie viel Arbeit noch vor einem liegt. Beim Segeln zählen die erreichten Kilometer, beim Schreiben die Worte oder Seiten. Blickt man nach vorne, wird einem schwindlig. Blickt man am Ende eines Tages jedoch zurück, kann man stolz sehen, was man bereits erreicht hat. Jede Etappe zählt, und am nächsten Tag setzt man seine Arbeit fort. Das Durchhalten ist die Lösung.

Hört sich wie das Motto eines Business-Seminars an. Es stimmt aber. Nur wer nicht aufhört oder aufgibt, schafft es ans Ziel zu kommen. Es geht dabei nicht darum so gut wie möglich zu sein, sondern nur darum, dranzubleiben. Fehler zu machen ist okay, auf See und beim Schreiben, Aufgeben nicht. Das sage ich auch immer meinen Studenten: Lasst Euch nicht ablenken, macht weiter, und eines Tages seit Ihr fertig mit dem Roman.

Klingt fast zu einfach um wahr zu sein. Natürlich ist es leichter, eine lange Seereise zu unternehmen, denn phasenweise fährt jedes Boot von ganz alleine. Als Autor darf man sich nie zurücklehnen. Man muss sich konzentrieren, Geduld haben, und immer wieder das Geschriebene überarbeiten. Ich bin bei jedem neuen Buch wieder total verängstigt, unsicher und enttäuscht. Mitten im Schreibprozess fehlt mir oft jegliches Selbstbewusstsein und ich werde ungeduldig. Doch das Segeln hat mich gelehrt: Du kommst trotzdem an, irgendwann.

Warum spielt Ihr Roman auf Mallorca? Im Alter von 12 bis 17 Jahren verbrachte ich dort jeden Sommerurlaub, und es war fantastisch! Mallorca bedeutete für mich ein Leben in Freiheit, in Farbe, weil ich den Rest des Jahres auf ein Jungeninternat in England gehen musste, das sich wie ein Gefängnis anfühlte. Auf Mallorca fuhr ich ohne Helm und Führerschein Motorrad, trank mein erstes Bier, küsste zum ersten Mal ein Mädchen, hatte meinen ersten Sex. Ähnliches passiert meinen Protagonisten im Buch.

Ihre Figur Gerald ist ein Segler, der auf den Spuren von Odysseus von Troja nach Ithaka fährt. Haben Sie diese Reise selbst gemacht? Ich bin zwar viel auf dem Mittelmeer gesegelt, vor Sizilien, Griechenland und in Tunesien. Aber nicht diese spezielle Route. Mir gefiel allerdings die Idee dahinter, denn Odysseus braucht zehn Jahre, obwohl die Strecke in zehn Tagen zu bewältigen wäre. So ist auch unser Leben: etwas passiert, und wir kommen ab vom Ziel, brauchen länger, erleben etwas Ungeplantes. Ich befand mich auch oft auf Irrfahrt wie Odysseus – mit viel Chaos, aber auch viel Spaß.

Wann haben Sie Homers „Odyssee“ zuerst gelesen? Das war auf meinem Boot bei der ersten Atlantiküberquerung. Ich hatte keine Elektrizität, keinen Fernseher. Also hörte ich Kurzwellenradio und las viel. Ich habe in den fünf Jahren, die ich auf See war, unglaublich viel gelesen. Vor allem Bücher, die mit dem Segeln zu tun haben.

Mehr über Die Sommer mit Lulu“ hier.

 

2 Kommentare
  1. Petra Jungheim sagte:

    Vielen Dank für das schöne Interview! Der Roman “ Sommer mit Lulu“ gehört in diesem Jahr zu meinen absoluten Lieblingsbüchern. Ich lese mit viel Freude und oft mit Zustimmung ihren Blog! Liebe Grüsse aus Olpe und den Buchhandlungen dreimann und Bücherstube Hachmann, Petra Jungheim

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