Interview

Im Interview: Val McDermid

valGanz entspannt, in verwaschener Jeans und mit Schlabber-T-Shirt, kommt Val McDermid zum Interview. Ihre Romane werden in mehr als 40 Sprachen übersetzt. In „Anatomie des Verbrechens“ (Knaus) geht die 60-jährige Schottin zum ersten Mal realen Verbrechen auf den Grund.

Ihr aktuelles Buch liest sich wie eine Liebeserklärung an die forensische Wissenschaft. Was haben Sie ihr zu verdanken? Sehr viel! Die Geschichte der forensischen Kriminaltechnik bietet Stoff für Tausende von Kriminalromanen. Um es ganz klar zu sagen: Nur weil es die Anwendung der Wissenschaft zur Aufklärung von Verbrechen überhaupt gibt, kann ich einer gewinnbringenden Tätigkeit nachgehen.

Sind nicht vielmehr Ihre Fantasie und Kreativität der Hauptgrund für Ihren Erfolg? Nicht unbedingt. Wir Krimiautoren behaupten ja gern, unser Genre habe seine Wurzeln in den entlegensten Winkeln der Literaturgeschichte. Wir sehen Vorläufer in der Bibel: Betrug im Garten Eden, Brudermord von Kain verübt an Abel, Totschlag bei König David, der Urija ermorden ließ. Wir versuchen uns einzureden, dass Shakespeare einer der Unseren gewesen sei.

War er das denn nicht? Nein. In Wahrheit ist es so, dass die Kriminalliteratur erst mit einem Justizsystem beginnt, das sich auf Beweise stützt. Und das ist es, was die Pioniere dieser Wissenschaft und der Kriminaltechnik uns hinterließen. Ich möchte mit meinem neuen Buch zeigen, dass das Engagement der Forensiker erfinderisch, vorurteilslos und von akribischer Ehrlichkeit ist – und das im Interesse der Gerechtigkeit für uns alle. Die Recherche hat mir wieder zu Bewusstsein gebracht, was ich schon seit Langem wusste: Die Arbeit der Wissenschaftler ist immer wieder höchst faszinierend, und die Menschen, die sich mit ihr beschäftigen, sind absolut fantastisch.

Wann war die Geburtsstunde der Forensik? Er war ein langer, fließender Prozess. Schon vor mehr als 750 Jahren wurde von einem chinesischen Beamten namens Song Ci ein Handbuch für Leichenbeschauer mit dem Titel „Aufzeichnungen zur Tilgung von Ungerechtigkeit“ angefertigt. Es enthält das erste überlieferte Beispiel für forensische Entomologie – die Nutzung der Insektenkunde zur Aufklärung eines Verbrechens.

Wie wichtig ist die Schilderung forensischer Arbeit für Ihre Romane? Die Technologie kann das Sprungbrett für einen Fall sein, sie darf aber nie im Mittelpunkt eines Romans stehen. Das müssen meiner Meinung nach immer die Menschen sein, die Figuren, ihr Leben und ihre Gefühle. Exaktheit in der Schilderung der Wissenschaft halte ich für weniger wichtig, aber auf Authentizität lege ich schon großen Wert.

Was hat Sie bei der Recherche am meisten beeindruckt? Die Integrität, der Einfallsreichtum und die Großzügigkeit der Wissenschaftler. Sie beschäftigen sich tagtäglich mit den dunkelsten und erschreckendsten Aspekten menschlichen Verhaltens. Wie Niamh Nic Daéid sind sie bereit, nach einem schweren Brand Stunden in durchnässten Trümmern zu verbringen. Wie Martin Hall sammeln sie Maden von einer halb verwesten Leiche, oder wie Caroline Wilkinson rekonstruieren sie das Gesicht eines verstümmelten Kindes. Sie bringen Opfer, damit wir in dem Wissen leben können, dass man die Täter zur Rechenschaft ziehen wird.

 

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