Interview · Krimis & Thriller

„Ein klassisches Horrorelement“ – Interview mit Michael Tsokos

tsokosAuf authentischen Fällen und rechtsmedizinischen Details basieren die True-Crime-Thriller von Michael Tsokos und Co-Autor Andreas Gößling. Tsokos (Foto), 49, gilt als bekanntester Rechtsmediziner Deutschlands. Mit dem Literatur- und Sozialwissenschaftler Andreas Gößling, 56, arbeitet Tsokos als Team. „Zersetzt“ (Droemer) steht zurzeit in den TOP 10 der Buchcharts.

In Ihrem neuen Thriller spielt ein Handlungsstrang in einem Keller. Und Ihre Hauptfigur, der Rechtsmediziner Fred Abel, arbeitet im Untergeschoss. Was reizt Sie am Keller? Tsokos: Das ist ein klassisches Horrorelement. Die Angst, ins Dunkle hinuntergehen zu müssen, kennen viele Menschen. Keller scheinen Urängste auszulösen und spielen in der Spannungsliteratur eine wichtige Rolle, auch im Kino. Dazu kommt: Früher waren Keller die einzigen kühlen Räume zur Lagerung von Leichen.

Wie ist das heute – arbeiten Rechtsmediziner im Keller? Tsokos: Wir haben in Berlin zwar Kühlräume und eine Asservatenkammer im Keller, aber wir sezieren im Erdgeschoss. Das hat den großen Vorteil, mit Tageslicht zu arbeiten. So können wir Befunde besser sehen und ihre Farbe wird nicht von künstlichem Licht verfälscht. Fred Abels Arbeitsplatz könnte allerdings wirklich genau so existieren, wie wir ihn beschreiben.

Wie nah an der Realität sind Ihre True-Crime-Thriller generell? Tsokos: Sehr nah. Die Fälle sind zu 80-90 Prozent real. Was in „Zerschunden“ und „Zersetzt“ steht, ist wirklich passiert. Selbstverständlich verfremden wir vieles, aber nur die Figuren und ihre Interaktion sind fiktional, und dennoch in der Realität verankert. Gößling: In der Praxis sieht das so aus, dass wir 40 Seiten Material haben und daraus einen Roman mit 400 Seiten machen.

Das Label „True-Crime-Thriller“ ist noch sehr frisch. Betrachten Sie Ihre Bücher als Werke eines neuen Genres? Tsokos: Wir haben diese Gattung vielleicht nicht erfunden, aber auf jeden Fall wiederbelebt und weiterentwickelt. Der Begriff „True Crime“ ist allerdings tatsächlich neu – er stammt vom Droemer-Programmchef Steffen Haselbach. Gößling: Die Zeit war reif für eine neue Form. Je solider das Fundament aus Fakten und Realität, auf dem die Fiktion aufbaut, desto dichter die Atmosphäre und desto intensiver das Leseerlebnis. Inzwischen sind wir darin ein gut eingespieltes Team.

In „Zersetzt“ reist Fred Abel nach Transnistrien, um einen bizarren Fall zu lösen: Zwei völlig zersetzte Leichen sind in Metallfässern aufgefunden worden. Basiert das auf einem echten Fall? Tsokos: Ja. 2011 erhielt ich eine ungewöhnliche Anfrage. Darin erkundigte sich eine Anwaltskanzlei, ob ich bereit wäre, in eine in Zentralasien gelegene ehemalige Sowjetrepublik zu fliegen. Dort sollte ich zwei zersetzte Leichen obduzieren.Mit einem Privatjet wurde ich mit zwei Kollegen nach Zentralasien geflogen. In der Landeshauptstadt waren sämtliche Straßen komplett für unseren Konvoi gesperrt. Bis an die Zähne bewaffnete Soldaten einer Spezialeinheit waren ständig in unserer Nähe. Im Buch haben wir aus dem Land Transnistrien gemacht. Um auch hier unseren Anspruch zu erfüllen, sehr realitätsnah zu schreiben, ist Andreas Gößling extra dorthin gereist.

 

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