Buchbranche

Agatha Christies Erben

agatha Da lächelt sie. Agatha Christie, die mit mit rund vier Milliarden verkauften Romanen erfolgreichste Schriftstellerin der Welt. Sie lächelt, weil ihre literarischen Erben sehr beliebt sind. Noch nicht ganz so beliebt wie Großbritanniens Crime Lady Nr. 1, aber so beliebt, dass der British Council sein Berliner Seminar mit der Frage krönte, ob es denn ein neues Goldenes Zeitalter der britischen Kriminalliteratur gebe.

Das wollte ich auch von Bestsellerautorin Val McDermid wissen. Sie meint: „Das Krimigenre hat sich dramatisch verändert. Es ist vielseitiger geworden, offener, regionaler, überraschender. Diese Vielfalt ist einer der Gründe für die Popularität.“ Tatsächlich beinhalten Krimis heute oft Comedy-, Drama- und Fantasy-Elemente – zu Christies Zeiten undenkbar. „Die Romane des Goldenen Zeitalters bestanden zu 90 Prozent aus Plot. Dem Charakter ihrer Figuren widmete Agatha Christie nur zwei, drei Sätze, das entsprach der Konvention“ sagte Sophie Hannah. Die 44-jährige beschäftigt sich in ihren Büchern intensiv mit der Psyche ihrer Protagonisten. Und sie bricht gern Regeln: „Mir macht es Spaß, die Genre-Grundsätze zu missachten oder zu ironisieren. Das reine Storytelling reichere ich mit subtileren Formen an.“

Unter dem Label „Krimi“ tummeln sich zahlreiche Subgenres. Und immer neue Wortspiele. In britischen Medien wird neuerdings von „Grip Lit“ (abgeleitet vom Verb gripping, „spannend“) gesprochen, es gab Phasen des „Chick Noir“ oder der „Marriage Thriller“ (eine Variante der „Romantic Crime Novels“). Etabliert haben sich der „Psychological Thriller“ sowie das schottische „Tartan Noir“. Dessen prominenteste Vertreter: IIan Rankin, Val McDermid und der vor kurzem verstorbene William McIlvanney.

Bewährt sich nach BritPop und BritArt nun also auch BritCrime als eigenständige Kunstform? Die meisten Teilnehmer des Berliner Seminars halten das für möglich. „Krimis sind das Herz der britischen Belletristik“ stellt Professor John Mullan vom Londoner University College fest. Aus dem Appetit nach britischer Kriminalliteratur sei ein beständiger Hunger geworden. Die Berliner Tagung hat vor allem gezeigt, dass die Krimiautoren des Jahres 2016 ihren Lesern komplexere Stoffe und schlauere Detektive zutrauen als früher. Keine Spur mehr von Regel Nr. 9 des legendären Detection Clubs, den Agatha Christie 1929 mitbegründete. Sie lautete: „Der Intelligenzquotient des Assistenten des Hauptermittlers muss leicht, aber nur ganz leicht, unter dem des durchschnittlichen Lesers liegen.“

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