Die Schleier-Karawane

schleierWas für ein Auftrag: 500.000 Schleier soll ein Karawanenführer des Osmanischen Reiches auf dem Balkan verteilen. Im Zuge der Islamisierung müssen sich alle Frauen verhüllen. „Dies war des kaiserlichen Sultans Befehl, und was er sagte, musste ausgeführt werden“ schreibt der große albanische Schriftsteller Ismail Kadare in seiner weisen Erzählung „Die Schleierkarawane“ (S.Fischer).

Hadschi Milet heißt der Karawanenführer, „er war ein einfacher Mensch, er hatte keine Schule besucht und keine Bücher gelesen, so dass Gedanken bei ihm leicht zu verscheuchen waren.“ Der gehorsame Türke verteilt die Schleier, doch auf dem Rückweg verfällt er in eine tiefe Trauer. Denn nun sieht er keine Frauen mehr auf den Straßen, und falls doch, huschen sie verhüllt an ihm vorbei.

Die Tränen des Karawanenführers erregen Verdacht: Wer trauert, hat etwas zu verbergen. Hadschi Milet wird verhaftet, gefoltert, und stirbt schließlich in seiner Zelle. Ismail Kadare schildert in leiser, subtiler Märchenprosa diese Parabel auf Gehorsam und Unterdrückung. Seit Jahren zählt der albanische Schriftsteller zu den Favoriten für den Nobelpreis. Meisterhaft weicht er in andere Epochen aus, um zeitlos von der Ohnmacht einfacher Bürger zu erzählen. In „Die Schleierkarawane“ tut Kadare dies in zwei weiteren Geschichten aus dem Osmanischen Reich, dem Albanien einst angehörte.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: