Interview · Krimis & Thriller

Im Interview: Don Winslow

winslowinterviewVon New York nach Kaliforinien: Don Winslow ist schon vor vielen Jahren aus seiner Geburtsstadt in die Wärme geflüchtet. Jetzt kehrt zumindest seine neue Hauptfigur zurück, in „Missing.New York“ (Droemer). Winslow zählt zu den wichtigsten Krimi- und Thrillerautoren der Welt. Ich habe den 61jährigen interviewt – hier Auszüge unserers Gesprächs:

Mit „Missing. New York“ haben zum ersten Mal einen Roman komplett aus der Perspektive Ihres Helden geschrieben. Was sprach bis jetzt dagegen? Um ehrlich zu sein: Es ist leichter, eine Geschichte von einer objektiven dritten Person erzählen zu lassen. Sie erlaubt verschiedene Blickwinkel und einen neutralen Beobachter. Diesmal wollte ich aber ganz bewusst die typische Stimme der klassischen Noir-Romane ausprobieren. Durch meinen Ich-Erzähler Frank Decker sollen meine Leser die Welt mit seinen Augen sehen, und zu jedem Zeitpunkt des Plots nur wissen, was er weiß. Dadurch kann man sich noch besser in seine Ermittlungen hineinversetzen und mitfiebern. Aber es liegt auch ganz einfach daran, dass ich diesen Typen und seine Stimme total gern mag.

Angeblich planen Sie weitere Bücher mit ihm. Warum wird ausgerechnet Decker zur Serienfigur? Wir haben uns doch alle an die typisch gebrochenen, ironischen und ambivalenten Antihelden gewöhnt, oder? Ich selbst habe ja auch einige von ihnen in meinen Romanen beschrieben. Frank Decker ist anders: er hat reine Absichten und eine klare Einstellung. In ihm gibt es keine inneren Dämonen, mit denen er zu kämpfen hat. Er ist ein Guter, er will die Verschwundenen aufspüren und heimbringen. Das allein spricht schon für eine Serie. Ich kann mir vorstellen, dass er immer wieder aufs Neue in den USA oder weltweit unterwegs ist und auf diese Weise fesselnde, bewegende Geschichten entstehen.

Basiert der Vermisstenfall aus Ihrem neuen Roman auf einer wahren Begebenheit? Nun, er basiert auf vielen tausend realen Fällen. Viel zu viele Kinder in den USA verschwinden, und die Verbindung dieser Fälle zu Menschenhandel und Prostitution ist leider nur allzu wirklich. Mir wäre es lieber, meine Handlung wäre frei erfunden, aber tragischerweise passiert dies andauernd. Man nennt diese Kinder oft Ausreißer, aber ich bezeichne sie lieber als Weggeworfene, da sie oft aus sehr schlimmen Verhältnissen flüchten. Wenn die dann plötzlich auf der Straße einer Stadt stehen, wissen sie zunächst nicht was sie tun, und wohin sie gehen sollen. Sind sie eine allzu leichte Beute für Verbrecher.

Sie klingen besorgt und verärgert. Ja, das treibt mich um. Denn wir leben zunehmend in einer mobilen Gesellschaft ohne feste Wurzeln, in der die Familienstrukturen zerfallen. Viele Menschen fallen zu schnell durch Raster. Das ist nicht nur in den USA so – ich glaube, dass die meisten Gesellschaften Eigentum mehr schätzen und schützen als Menschen.

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