Interview · Krimis & Thriller

Macht und Moral in Europa: Interview mit Arne Dahl

arne2Hochwertige, politische Thriller: das Marken- zeichen von Arne Dahl. In seinem neuen Roman „Neid“ (Piper) skizziert der 51jährige Schwede den Kampf um Anstand und Moral in Europa. Hier Auszüge aus meinem Interview:

Können Sie bei Ihren Lesern ein Bewusstsein für politische und gesellschaftliche Themen schaffen? Mit dieser Frage habe ich einige Zeit gerungen. Bedeutet die Tatsache, dass ein Schriftsteller in einem populären Genre schreibt automatisch, dass seine Texte sich in schnell vergessene Unterhaltung verwandeln? Und falls das so ist: findet Unterhaltung immer ohne ernsthafte Hintergründe statt? Meine Antwort ist ein lautes Nein! Wenn man gut und aufregend genug schreibt, werden Fragmente ungelöster Fragen und Gedanken in den Blutbahnen der Leser herumreisen und irgendwann einmal auftauchen.

Der Kampf für Anstand und Moral ist das zentrale Thema Ihres neuen Romans. Wie steht es um diese Werte im heutigen Europa? Die EU startete als Friedensprojekt und war nebenbei auch ein gemeinsames Geschäftsmodell – man tat alles, um einen weiteren großen europäischen Krieg zu verhindern. In den 1980er Jahren veränderte sich die EU radikal: die Wirtschaftsleistung war wichtiger als alles andere, wir mussten stärker werden, um mit der Supermacht USA und dem wachsenden China in der globalisierten Welt konkurrieren zu können. Als in den 90ern der Jugoslawienkrieg begann, war klar, dass das Friedensprojekt nur eine Fassade war. Seitdem geht es nur noch ums Geld. Diese Richtung muss sich ändern, wenn wir noch eine Chance haben wollen, das Gesamtprojekt zu retten.

Wie soll das funktionieren? Wir Europäer haben eine Tradition der Intellektualität, Kunst, Freiheit, Demokratie und des Humanismus – das ist unsere Stärke, darauf sollten wir setzen. Darum beneiden uns schließlich alle anderen Länder. Lasst uns sicherstellen, dass dies die fundamentalen Werte bleiben und wir nur auf dieser Basis Geschäfte machen!

In „Neid“ setzt sich sogar eine mutige EU-Kommissarin für diese Ziele ein. Trauen Sie das einer realen Politikerin zu? Einige wenige setzen sich durchaus für die richtige Richtung ein. Das Problem ist jedoch, dass die Menschen, die an der Macht sind, meist ihre ganze Karriere lang genau das angestrebt haben: an der Macht zu sein. All ihre Visionen haben sie auf dem Weg nach oben verloren, sofern sie je welche hatten. Um Macht als Politiker zu erreichen, muss man oft über Leichen gehen und rücksichtslos sein. Das verringert die humanistische Vision. Macht ist unglücklicherweise fast immer in den falschen Händen.

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